von Sinnen, Porto das Rendez Vous

Reisebericht

August 2016

  

Urlaubsreisen sind ein sharing event geworden. Warst du da, waren's die anderen gleichfalls, wenn auch nur mit ihrer Neugierde, auf dem screen bekannte Gesichter in fremder Umgebung zu entdecken. Und zu kommentieren, natürlich, zu liken, zu disliken. Wer liest heute noch Reiseberichte? Anfangs wollte ich davon absehen einen solchen, nach unserer Rückkehr aus Porto, zu verfassen. Wir waren zu viert. Ein befreundetes Ehepaar, Nanc und ich. Wir hatten uns vorbereitet, minimal. Es sollte ein Abstecher werden. Normal, eigentlich, ein Städtetrip in bekannter Manier mit Netz und Reiseführer. Doch, man trifft eine Entscheidung, in einem bestimmten Moment, dies und jenes nicht zu tun und man findet sich später mit dem Gegenteil wieder. Porto wähnte ich im Übrigen, aus welchen Gründen auch immer, näher an der Schrift als am Bild.

 

Diese Stadt, deren Namen ich nur mit dem Portwein in Verbindung gebracht hatte, jahrelang, ohne ihn wirklich gemocht zu haben: „Schande über dich, du schreibender Esel!“ Die Portugiesen: europäischer Fußballmeister 2016, die Algarve und Lisboa, Vasco da Gama, die Filme von Manoel de Oliveira, eine vielfältige Migrationsgeschichte... was weiß ich wirklich von diesem Land, von seinen Menschen, der Kolonialzeit, der Nelkenrevolution von 1974? Man stammt selbst von italienischen Einwandern ab, in der dritten Generation und interessiert sich noch immer für die schwierigen Lebensumstände der damaligen immigranti in Eisenhütten und auf dem Bau. Man lebt mit den Portugiesen in Luxemburg zusammen, man weiß um ihren Fleiß und schätzt den engen, mit Obst und Gemüse vollgestopften Krämerladen an der Ecke, der immerzu geöffnet ist. Die harte Aussprache des Besitzers, sein lauter, redseliger Umgang mit den Kunden, damals... er war mir sehr sympathisch gewesen. Eine Urlaubsreise ist, wenn auch keine Studienreise, zumindest eine gute Gelegenheit, vieles dazuzulernen, sich zu erinnern, an das was man einmal gehört oder gelesen hat.

Am Anfang war Schatten. So biblisch wie es klingt, war es auch: die dunklen Partien auf den Handybildchen waren schwärzeste Nacht. Sehr ungewohnt war es, fand ich, wo doch die installierte Foto Software normalerweise Kontrast ausgleichend wirken soll. Außerhalb des modernen Flughafengebäudes, während der Fahrt ins Zentrum, durch die staubigen Vorstädte, auf dem Parvis vor dem Hotel an der Rua de Fábrica: das Licht war so gleißend, so unerwartet weiß, dass der abgedunkelte Eingangsbereich mir wie ein eigens für ungeübte Touris hergerichteter Raum vorkam, um uns an diese Stadt, auch an ihre Lichtverhältnisse, zu gewöhnen. Die Sprache: man sollte wenigstens einige Vokabeln und Ausdrücke aus dem Reiseführer beherrschen können, dachte ich mir: obrigado (danke) bom dia, (guten Tag) und ...und dann steht man auf einmal vor dem Hotelportier, der freundlich „villmools merci“ antwortet und fragt: „Wéi war d'Rees? Einen Abstecher zum Douro kann ich ihnen nur wärmstens empfehlen. Do ass et schéin. In Luxemburg habe ich acht Jahre lang gearbeitet.“ Es war eine von vielen Überraschungen, die wir in Porto erleben sollten.

 

Praça da Ribeira

 

Porto zählt mitsamt seinen Vorstädten 1,8 Mio Einwohner. Im Zentrum leben schätzungsweise 237.000 Bewohner.

Warum beginnt man die Besichtigung einer Stadt nicht in einem bekannten Museum oder in einer schattigen Parkanlage? Das populäre Viertel Praça da Ribeira, mit seinen historischen Fassaden, den Bogendurchgängen, den zahlreichen Terrassen und engen Hinterhofpassagen wurde, wie hätte es anders sein können, unser erster Abstecher. Laut und belebt, unerwartet schillernd war dieser Ort, wie die Seifenblasen, die ein junger Mann über den Köpfen der Zuschauer zu riesigen Würsten modellierte. Musik, vor allem: einzelne Gitarrenspieler hatten sich mit ihrem handlichen Verstärker, „die Technik macht Fortschritte“, dachte ich mir, „kommt den Künstler endlich mit praktischem Gerät zu Hilfe“, an Straßenecken gesetzt, spielten leise und harmonisch. Mandolinenspieler, mit schwarzen Umhängen bekleidet, zupften sanfte Laute. Wir hörten einem Studentinnen Chor der Universität zu. Von Fadoklängen über eine Tarentella bis zu portugiesischen Volksweisen reichte das Repertoire, begeisterte die Zuhörer, die nicht müde wurden zu lauschen, spornte den Chor an, der nicht aufhörte zu singen. Es war gediegene Musik, der wir begegneten. Sie war allgegenwärtig, spontan organisiert in ihren verschiedensten Varianten, und gehörte, so schien es uns, zum Ambiente dieses Viertels, das so manches aufgeboten hatte, um seine Besucher zu faszinieren.

Der Blick nach oben, zurück auf den Teil der Stadt, den wir eben durchquert hatten: vom Barock geprägte Kirchturmbauten hoben ihre prallen Verzierungen weit über die Stadtkulisse. Über den Fluss spannte sich der eiserne Bogen des Ponte de Dom Luís. Porto, Kulturhauptstadt 2001: viele historische Fassaden waren gepflegt, der helle Stein bestens vor Vogelkot geschützt. Es fällt einem auf: „Geht doch. Taubenplagen lassen sich in den Griff bekommen“, dachte ich. Das Judenviertel, die engen Gassen hinauf zur Kathedrale Sé de Porto hingegen: moderne Butiken waren unter Obergeschossen eingerichtet, deren Restaurierung nicht auf der immediaten Tagesordnung zu stehen schien. Wie geht Portugal mit seiner Wirtschaftskrise um? Wie hat sie sich auf das Leben in dieser Stadt ausgewirkt? Wie hoch sind Mieten und Zinsen im Zentrum? Im Unterschied zu anderen, weniger besuchten Vierteln? Ein Blick in Agenturvitrinen gab Hinweise. Manche Appartements und Studios abseits der Altstadt blieben noch sehr erschwinglich. In Passagen wuchsen auf dunklen Balkonen Blumen-und Pflanzenbüsche. Wirr und zerzaust ragten sie weit über Brüstungen, versteckten Fenstersimse und Türen. Als wir vorbeigingen, hörten wir lautes Geschrei, forsche Anweisungen, das Durchmischen von Kies und Sand: im Untergeschoss wurden Räume restauriert. Wenig elektrisches Handwerkzeug war im Einsatz, war mir aufgefallen. Die Arbeiten waren vornehmlich eine Sache von Händen und Armen, in Reichweite eines Caddies, gefüllt mit Ziegeln und Holz. Man hatte uns gesehen: der Mann, der laute, grüßte freundlich. „Bom dia.“ Er lachte. Ich winkte zurück: ein bescheidenes „Danke schön“ in Körpersprache. Auf den Terrassen, unter den Torbögen und auf Ausbauten in der Stadtmauer saßen zahlreiche, junge Pärchen. Porto ist auch im Gastgewerbe preiswert, fanden wir, und günstig für Teenager, „die einige Tage hier verbringen, weil es ihr Portemonnaie arrangiert und es gibt viele Studenten“, meinte der Kellner, „wegen der Universität“, fügte er hinzu, „sie haben hier über 30.000 Einschreibungen 1“ und er richtete uns blitzschnell einen Tisch und servierte das Bestellte im Nu: Sardinen, köstlichen Oktopus Salat im Olivenöl und einen ausgezeichneten Hauswein.

 

 

Die Igreja de São Francisco

 

In den Vergleich zur lauten Betriebsamkeit dieses Stadtviertels setze ich die St. Franziskuskirche, die seit 1919 Nationaldenkmal ist und als Teil des historischen Zentrums mit diesem, 1996, in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde. Zu Recht wird sie als ein absolutes must in den Reiseführern empfohlen, als eine einmalige Gelegenheit, die Kunst u.a. der Schnitzmeister Francisco Pereira Campanhã (1764-1765) und Manuel Pereira da Costa Noronha (1750-1751) 2 zu bewundern. Ich hatte Barockkirchen besucht, hatte das Kloster und die Kirche von Einsiedeln in Gedanken, als wir das Gebäude betraten, das im nüchternen, gotischen Stil errichtet war. Nie zuvor war ich einer solchen Fülle von vergoldeten Schnitzereien begegnet: Laubwerk, Putten, Vögel, Baumdarstellungen, biblische Szenen, Hostien und Strahlenkränze, betende Hände und heilige Gestalten wanden sich um Säulen und Altäre, stiegen von den Steinplatten am Boden hinauf zu den höchsten Gewölbewinkeln. Blatt um Stiel, Schnörkel um Zünglein erzählten sie Geschichten von Mysterien, den Märtyrern von Marokko und von Mariä Verkündung, waren Bildschriften geworden, umkreisten hemmungslos und bacchantisch die bescheidene Granitstatue des hl. Franziskus aus dem 13. Jahrhundert. Es kam mir vor, als suche der barocke Prunk immer noch eine unbesetzte Nische, die es auszuschmücken gälte, um sich immer wieder selbst zu vermehren und zu bewundern. Es waren Zeugen einer handwerklichen Betriebsamkeit, „die einst sogar den Klerus dermaßen schockierte, dass in der Kirche kein Gottesdienst mehr abgehalten werden durfte“2. Um so lauter sprach das Kirchendekor, über 100 Kilo Blattgold waren auf die Holzschnitzereien aufgetragen worden, mit den Augen der Besucher, beanspruchte ihren Sinn fast über die Masse. „No fotos please“, rief der uniformierte Aufpasser in den vergoldeten Raum hinein und glaubte selbst nicht wirklich an den Erfolg seiner Ermahnung und verschwand schließlich ganz hinter den Ranken einer üppig wachsenden Weinrebe.

Die den portugiesischen Adligen und Mönchen vorbehaltenen Katakomben kamen mir dagegen wie ein dem Pomp absichtlich entsagender Raum vor. Die im Boden eingelassenen Grabplatten und die stimmige Hintergrundbelichtung der Totenschädel auf den Särgen sollten sicher an die Kargheit des Lebens nach dem barocken Überschwang, eine Etage höher, mahnen.

 

1 zu der Universität von Porto zählen u.a. das renommierte Forschungszentrum IBMC (Instituto de Biologia Molecular e Celular, Institut für Molekular und Zell Biologie) sowie IPATIMUP (Instituto de Patologia e Immunologia Molecular da Universidade do Porto, Institut für molekulare Pathologie und Immunologie der Universität Porto)

2 aus „Kirchenführer der St. Fransziskus Denkmalkirche“

 

 

Die Tram, Postkarten und weitere exotische Einblicke

 

Markante Plätze und Gebäude, die auf unserem Stadtplan weit voneinander entfernt schienen, waren durch ihre tatsächliche Distanz zueinander bequem zu Fuß zu erreichen. Längere Entfernungen erforderten andere Fortbewegungsmittel: die historische Tram von 1940 war ein einzelner Waggon mit Fahrer und Mütze, mit Holzsitzen, ohne Federung, ausgestattet mit Elektrokurbeln und Voltmetern. Als knarrende, bimmelnde Tante Jul nach Porto Art rumpelte sie über die Schienen, war regelmäßige Mitfahrgelegenheit für Schwarzfahrer auf dem Trittbrett. Uns kam sie sehr gelegen, um die ausgedehnte Strecke vom Ausgang des Parks Jardim do Palácio de Cristal zurück in die Oberstadt in gemächlichem Tempo, jedoch in exotisch-patinierter Art zu überwinden.

Ohne Wettervorhersage lässt es sich, besonders während einer Reise, nicht gut planen. Man muss wissen, muss sich vorbereiten: „Was ziehe ich an? Was ziehe ich aus?“ Sorgen, vor allem, der Damen unserer Reisegruppe. Unsereiner, glaube ich, hätte sich im Ernstfall mit einem Drink in einem der zahlreichen Bistros zufriedengegeben und gewartet bis Schauer oder Sturm oder Gewitter vorbeigezogen wären. Nicht so in Porto, Ende August 2016: Die Hitze war konstant angenehm. Weil die Brise, die sie durchfächerte, konstant angenehm und sanft vom nahen Atlantik ins Land blies, sich mit dem Dunst des Douros an der letzten Brücke vor seiner Mündung, dem Ponte da Arrábida, zu dampfenden Nebelbänken auftürmte, einen Schleier über beide Ufer verbreitete. Dieser filterte postkartensolide Sonnenuntergänge. Erspäht und in Zügen genossen auf der Restaurant Terrasse des Weinherstellers Porto Cruz.

Man sieht und man hört zu und macht sich Notizen. Historische Ereignisse einer Stadt, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, gehören nun einmal, wenn man sie nicht schon vorher kannte, zu den events to know.

In der Kathedrale Portos, Sé, hoch über der Stadt gelegen, mit ihren beiden, trutzigen Türmen, dem silberbeschlagenen Altar und dem Kirchenschiff, dessen romanisch-gotischer Ursprung gut zu erkennen war, wurde der Sohn von König Johann des Ersten und der Prinzessin Philippa von Lancaster, bekannt als der spätere Heinrich der Seefahrer, getauft. Seiner Statue im Innenhof unseres Hotels hatte der Bildhauer einen strengen, forschen Ausdruck verpasst, hatte ihr eine Weltkarte über das Knie gemeißelt. Die eingravierte Windrose prangte, wie selbstverständlich, in Penishöhe.

Der ausgedehnte Vorplatz, die Nachbarschaft des imposanten Klosters, der Blick über die Stadt ließ uns den etwas mühsamen Aufstieg durch die Gässchen und über die zahlreichen Treppenstufen vergessen. Weit und azurblau spannte sich der Himmel über Porto. Kitschig? Nein: sehr beeindruckend fanden wir es, sehr anziehend. Dann wiederum einer dieser Häuserbalkone in direkter Nachbarschaft, überwachsen mit Blumen und wildem Gestrüpp, vom Besitzer außerdem vollbesetzt mit Vasen und Töpfen aller Art, aus denen wiederum Grünzeug ragte, halbhohe Hecken und wuchernde Gräser. Wie zufällig spielte ein Musiker auf der Trompete im Schatten der Kathedralstürme, stand an einer Ecke und hatte keinen Hut vor den Füssen liegen. Er spielte und seine Klänge wurden begleitet von lauten, penetranten Kommentaren einer Frau, schwarz gekleidet, die, einen Gemüsekarton auf dem Kopf jonglierend, an ihm vorbeiging. Sie musste ihn gekannt haben, sie schimpfte oder spaßte, erzählte ihm vielleicht eine lustige Anekdote, oder ärgerte sich darüber, dass er nur Musik spielte aber kein Geld sammelte. Es war vielleicht ihr Mann oder der Freund ihres Mannes, ihr Kusin oder ihr Bruder. Laut schimpfend oder laut lachend stieg sie die Treppen hinunter, entlang des wildwüchsigen Balkons. Immer noch hörte ich ihre harte Stimme zwischen den heiseren Tönen aus der Trompete. Vieles passte im Vergleich, so fand ich an diesem Morgen, vorzüglich zueinander.

 

 

In guter Gesellschaft

 

Dann sah ich sie. Es klingt fast so, als ob ich einer Freundin wiederbegegnet wäre, einem schönen Mädchen, das mich schon in frühen Kindertagen über alle Massen entzückt hatte. Im hellen Licht der Praça de Lisboa bemerkte ich eine auf einem Tischtuch aufgestellte Imperial The Good Companian Schreibmaschine, mit ihrem Fächer von Metallbuchstaben, QWERTY angereiht, das Z sitzt tiefer, unten links, das Wappen by Appointement Typewriters Manufacturers to the late King George V. Es war echte Ware aus gutem, historischem Haus. Es wunderte mich nicht: es gibt viele Verbindungen zwischen Porto und England, nicht zuletzt die Geschichte der Portweinherstellung. Hier auf dem Marktplatz der Papierbogen, um die Gummiwalze gespannt, beschriftet mit typewritung Buchstaben, betackert das Blatt, weiterdrehen, untersuchen, genau hinsehen, sich Zeit nehmen, überlegen, weiter, dann „kling“ und „ratsch“, den Hebel bedienen, tickern, klappern, klappern, Fehler durchstreichen XXXX, dann „kling“ und „ratsch“ und weiter, eine Melodie der geistigen Freiheiten, vermutlich eines Journalisten, vielleicht eines portugiesischen Schriftstellers, Fernando Pessoa oder José Saramago, die diese Maschine im Gebrauch hatten. Im Nachhinein bedaure ich, die wunderschöne Imperial, zum übrigens stolzen Preis von 170.-€, nicht gekauft zu haben. Sie wäre mir Reverenz geworden an die gute Zeit, die man hatte, so glaube ich, um Buchstaben um Buchstaben zu Poesie, zu klugen Sätzen und Kapiteln zusammenzuklappern „kling, ratsch.“

 

 

Der Bahnhof São Bento

 

Auf und ab, die Straßen in der historischen Altstadt. Aus überhöhter Perspektive gesehen kamen die Linien mir wie eine Achterbahnfahrt von einem Viertel zum anderen vor. Dann: der Platz Praça General Humberto Delgado, an der belebten Avenida dos Aliados, ein Ort für Pop-oder Rockkonzerte, inmitten prächtiger, vom französischen Neo-Klassizismus geprägten Gebäude, mit einem Blick auf das etwas höher gelegene Rathaus und seinen 70 Meter aufragenden, reich verzierten Turm. In der Axe des Townhall waren Skulpturen angeordnet, vermittelten dem Platz eine vielfältige, kulturelle, auch populär kitschige Note: die Granitfigur des lächelnden, nackten Mädchens auf einer von Tauben umflatterten Brunnensäule, ernster dann das Monument für King Pedro IV, hoch zu Ross, den die Stadt ihrem liberalen König 1866 errichtet hatte. Der in Bronze gegossene Zeitungsverkäufer am rot graffitierten Briefkasten mit seiner Schirmmütze und dem Zeitungsblatt mutete dagegen fast bescheiden an. Immerhin stand er an der Praça da Libertade, und die führte, über den Platz Alameida Garett, zum Zentralbahnhof, dem Estaçao de São Bento.

Ich kann nur für mich allein argumentieren: meine Erinnerung an Bahnhöfe bleibt, akustisch vor allem, immer die gleiche: Lautsprecherdurchsagen, die sich seit den Vacances de Monsieur Hulot nicht verändert haben und in Luxemburg, Köln, in Berlin oder Paris gleichermaßen unverständlich hallen und krächzen. Ich musste an die, von den Eingängen zu den Bahnsteigen hastende, mit coffee-to-go und kalten Semmeln bewehrten Reisenden denken, die missmutig, manchmal, gut gelaunt, dann wieder abwartend neutral, nicht wissend wohin, usw. usw. ....der Bahnhof, als Passage, Scheide-und Wiedersehenspunkt bleibt ein Observatorium menschlicher Verhaltensweisen. Der Architekt José Marques da Silva, der den São Bento 1916 entwarf, hatte sicher Wartezeiten auf verspätete Züge mit eingerechnet, als er sein Dekor schuf. Die auf 20.000 Fliesen, azulejos, aufgetragenen, blauweißen Zeichnungen, die an den Wänden der großen Halle angebracht sind, bleiben vom französischen Akademismus inspiriert, präsentieren dem Besucher Episoden der portugiesischen Geschichte des Transports, neben wuchtigen Schlachtszenen, mit Rittern, Pferden, Lanzen und Fahnen. Die Eroberung Ceutas durch Heinrich den Seefahrer, sein Einzug in die Stadt, mit großem Gefolge, sind Bilder von Eroberung und Dominanz, wobei die erhobenen Positionen des Klerus mir besonders auffielen: immer wieder ragten Bischofsmützen-und Stäbe in vorteilhafter Bildposition über sämtliche Schultern und Köpfe der Anwesenden, auch über die Krone des Königs. Szenen von frommen Prozessionen, von ländlicher Idylle an Mühlen und bukolischen Landschaften wechselten sich ab mit Darstellungen von sanft dahingleitenden Booten auf stillen Seen, mitunter überraschte ein kecker Blick einer jungen, barfüßigen Dame mit Wasserkrug, inmitten ihrer Freundinnen, dann wiederum waren es Zeichnungen von Gitarre, Cembalo und Akkordeon spielenden und tanzenden Musikern auf Volksfesten und Viehmärkten...Fast berauschend sinnlich wirkten die Bilder, vermittelten der Halle ein Ambiente von Größe, Pathos und zugleich historischer Reichhaltigkeit. Der São Bento wurde von Travel+Leisure zu einem der schönsten Bahnhöfe der Welt erkoren. Dass die Durchsagen mir unverständlich in den Ohren tönten, als wir die Halle verließen, kann auch an der für mich schwierigen, portugiesischen Sprache der Ansagerin gelegen haben, tröstete ich mich.

 

 

Der Ponte de Dom Luís

 

Auf Postkarten, in Reiseführern, im Netz, hundertmal gesehen, die berühmte Brücke Ponte de Dom Luís, die ihren eleganten, eisernen Bogen über den Fluss setzt. 1886 von Théophile Seyrig, einem Schüler Gustav Eiffels erbaut, verbindet sie die Höhen der Altstadt mit dem Viertel Vila Nova de Gaia und ist ein Wahrzeichen der Stadt geworden. Etwas Geschichte: Ihre Errichtung, 1886, war auch eine Antwort auf die dramatischen Ereignisse von 1809, als die damalige Fußgängerbrücke aus ausrangierten, zusammengestrickten Booten, unter dem Gewicht der vor den angreifenden Franzosen Napoleons I zurückweichenden Soldaten und den Schutz suchenden Einwohnern auseinanderbrach und zahlreiche Menschen in den reißenden Fluten ertranken.

Uns ermöglichte das von der UNESCO zum Weltkulturerbe zählende Viadukt nicht nur ein atemberaubendes Panorama auf die Stadt und die Douro Mündung. Wir hatten die Gelegenheit, die sehr moderne Kabelbahn auf dem Nordufer zu benutzen, der Metro auf dem oberen Teil der Brücke zu begegnen, schwindelerregend war der Blick in die grünlichen Fluten, um anschließend in einer schicken Gondel über die Lagerhäuser des Portweins zu schweben, am anderen Ufer, entlang der Porto Cruz, Sandeman, Taylor's, Graham's und Ramos Pinto Verkaufslokale zu schlendern, zurück in die Altstadt. Auf der Brüstung des unteren Teils der Eisenkonstruktion standen Jugendliche in Schwimmshorts, „Hast du mich erblickt? Bewundere meinen Mut, meinen Spaß, mach doch ein Foto, Mensch! Vielleicht ersaufe ich, eher vielleicht nicht, na los, jetzt, und hopp ...“ der Sprung in den, so hoffte ich, sehr gemächlich dahinfließenden Lauf des Flusses.

 

Lello

 

Ich stellte mir nicht vor, dass es Warteschlangen vor einer Buchhandlung geben könnte. Und dass in einem Kassenhäuschen Eintritt erhoben würde, der beim Kauf eines Buches als Rabatt zu vergüten wäre. Lello 3 war nicht nur für mich selbst, sondern auch für die Freunde in unserer kleinen Reisegruppe ein Höhepunkt. Die weltberühmte, neogotische Inneneinrichtung mit ihren hohen Bücherwänden, den prächtigen Holzverzierungen mit vegetabilischen Motiven, die an der Decke angebrachten Reliefbilder aus bemaltem Stuck, die Glasfenster, die ein fast mystisches Licht in die engen Passagen verströmten, vor allem die nach einer gemeinsamen Mittelachse sich schwungvoll in einen rechten und linken Flügel teilende Treppe, die vom Erdgeschoss auf die erste Etage führte, waren zusammen ein die Sinne erregender Eindruck. Hier nisteten nicht Knospe um Blatt um Stängel, golden zwar, doch leicht verwelkt an gotischen Säulen, schwatzten nicht in einer krausen Sprache. In der historischen Kostbarkeit pulsierte pralles, kulturelles Leben, drängten sich Touristen, vielsprachig, neugierig, begeistert und kauften. Ich spreche Vasco Morais Soares meine große Bewunderung aus, der dieses Monument, ebenso die Fassade, 1994 restauriert hatte, mit Talent und dem Verständnis für die bedeutende Rolle, die der Buchladen im Lauf seiner Geschichte in der portugiesischen Literatur und Kunst eingenommen hatte. Der heute über 60.000 Titel reiche Bestand, vor allem die auf einem längeren Mitteltisch, neben Harry Potter Ausgaben, gestapelten Übersetzungen von Werken bedeutender, portugiesischer Schriftsteller, ich erblickte u.a. die französischen Ausgaben von Poêmes Païens von Fernando Pessoa, sein Buch Commerce et Civilisation, das ich mit Interesse entdecken werde...es waren mir Momente großer Genugtuung, weil die Werke portugiesischer Literaten sich einem internationales Publikum darboten und anderseits der Respekt vor ihren Werken dazu beigetragen hatte, ein Prunkstück portugiesischer Baukunst glanzvoll in Szene zu setzen.

 

3 Das heutige Gebäude an der Carmelitas Straße 144 in Porto wurde 1906 gebaut. Der ursprüngliche Buchladen Chardron, an der Rua dos Clérigos gelegen, wurde von Mathieu Lugan, 1894, an José Pinto de Sousa Lello verkauft. Heute wird der Laden unter dem Namen Lello und Irmão geführt.

 

Pinhão

 

Die Tagesreise führte uns hundert Kilometer landeinwärts. Ungefähr in der Mitte zwischen der spanischen Grenze und der Küste, so erklärte uns der Fahrer, würde dieses Dorf liegen, Pinhão, inmitten der Weinberge am Douro.

Das Tal, von der UNESCO 2001 zum Weltkulturerbe erklärt, umfasst 250.000 Hektar, mit Weinreben bepflanzte Hügel und mit Terrassen durchzogene Berge, die hauptsächlich aus Granit-und Schiefer bestehen. Am Tag nehmen die Pflanzen die Sonnenstrahlung auf. Nachts geben die Steine die gespeicherte Wärme ihrerseits wieder an die Reben ab. Deren Wurzeln müssen zum Teil dreißig Meter tief in die Erde reichen, um an Wasser zu gelangen. Der Fahrer hatte uns erklärt. Wir hatten verstanden, glaube ich, warum die Portweintrauben bestens in diesem Tal zu einer vollen Reife erwachsen können, in glühenden Sommern. Auch würden kalte Winter dazu beitragen, dem Saft seinen kräftigen, aromatischen Geschmack zu verleihen. 4

Pinhão war eine lose, sich im Grünen verlierende Ansammlung von niedrigen Wohnungen, oberhalb einer Hauptstraße und einer Eisenbahnlinie, die einmal von Paris direkt bis an die Ufer des Douro geführt hatte. Wir verspürten die sehr warme, fast schwüle Atmosphäre des beginnenden Herbstes. Am Tisch auf der Terrasse des Vintage House Hotel, direkt am Fluss, kam ich mir plötzlich wie aus der Zeit gefallen vor. Das Wasser glitzerte durch die Palmwedel. „Impressionistisch, sieht das alles aus“, so mein erster Eindruck, „unbeschwert und ätherisch “. Irgendwie fühlte ich mich an Mark Twain erinnert, an seine Beschreibungen vom Mississippi. Ich hatte plötzlich eine Reise auf dem Nil vor Augen, unter sengender Sonne, die flimmernden points eines Seurat Gemäldes, das Tal an der Sauer aus meiner Kindheit und die silbernen Birkenkronen...vieles was mir lieb war, in Gedanken, schien sich in diesem Moment und an diesem Ort zu verdichten, war Vergangenheit, Aufbewahrung, war kostbare Reliquie, vereinigten sich hier die Bilder mit einer tiefen Stille.

Während der anschließende Flussfahrt entlang der Weinberge erfuhren wir, dass Douro vom französischen „dur“ herstammt, also ein 'harter' Fluss wäre es, und irgendwie, sagte der Junge am Steuerrad des Elektrobootes, wären es die vielen Steine in seinem Lauf, weit oberhalb seiner Mündung, die dem 987 Kilometer langen Gewässer seinen Namen gegeben hätten. Die typischen, an phönizische Handelsschiffe erinnernden Lastkähne: sie hätten die Portofässer zu ihren Lagerhallen in Porto geschifft, jedes Mal wäre es ein Ereignis gewesen, erzählte er. Der Portwein, der berühmte, unbedingt schmecken sollten wir ihn, es gäbe so viele Gelegenheiten, in Porto selbst, doch auch hier, das Sandemann Weingut, zum Beispiel, wäre einen Abstecher wert...Die Flussfahrt verführte mich natürlich zu der Frage, was denn dem Getränk die besondere Note verleihen würde. „Die Gärung des gekelterten Weinsaftes, rot oder weiß, wird ab einem gewissen Alkoholprozent unterbrochen“, erklärte unser Steuermann. Ein hochprozentiger Branntwein würde beigemischt, ehe man den Wein altern ließe, nach verschiedenen Kriterien. Es ergäbe einen jungen Porto, einen Vintage, dann einen Late bottled vintage (LBV), beide würden außergewöhnlichen Jahrgängen zugeordnet, wären herzhaft und komplex im Geschmack, oder man ließe ihn zehn, zwanzig, dreißig und noch mehr Jahre ruhen. Er würde dann als Tawny bezeichnet, hätte ein besonders ausgereiftes Aroma und würde die typische Farbe des Bernsteins annehmen, was sich natürlich, „ganz klar“, lachte er, auf den Preis niederschlüge. Ob wir schon einen vierzig Jahre alten Portwein gekostet hätten? Hatten wir nicht, aber der funkelnde Ruby 5, der uns leicht gekühlt im Hofe des Hotels, abends, gereicht wurde, erinnerte an die im Stadtführer erwähnte portugiesische Sonne im Glas. „Kommerz und Wort werden hier gekonnt zusammengestrickt“ dachte ich. Doch ist der Porto eben nicht nur ein Wein, sondern auch ein Kult geworden, der aus historischen Handelsverbindungen mit England entstanden ist, und der mittlerweile eine Kostbarkeit regionaler Erzeugnisse darstellt, die Kopf und Sinne flink und in gleichem Masse beflügelt.

4 http://portugal-libelle.com/regionen/douro.html

auch: Porto, en quelques jours, Stadtführer lonely planet von Kerry Christiani, 2015

5 relativ junger, würziger Porto, der mindestens 2 Jahre im großen Fass heranreifen muss. Die Farbe ist rubinrot.

 

Eine verpasste Talkrunde

 

Der Besuch des Jardim do Palácio de Cristal mit seinen Gärten, dem Büchermarkt entlang der Wege, das spontane Chorkonzert junger Damen vor dem Hintergrund der Arlésienne von Bizet, die von einem Schülerorchester, nach Abschluss ihres sommerlichen workshops, so nahmen wir an, im Kiosk aufgeführt wurde, inmitten der sporadisch lauten Musik aus einer Würstchenbude...es war nicht nur ein akustisch verblüffender Spaziergang durch eine der größten Parkanlagen Portos. Die Dauerbrise vom Meer blies kühl in die Hitze hinein. „Vieles ist vortrefflich geplant“, dachte ich. Unsere Stationen vermischten sich dagegen öfters wie die losen Teile eines Puzzles.

Das Graffiti des schlafenden Mädchens an der Garagenwand, bröckelnde Mauern vor Gärten mit Pfirsichbäumen, die Abgeschiedenheit der Passage, die zum Douro führte...Nostalgie mischte sich plötzlich ein. „Kommen Sie doch. Möchten Sie einen Weißwein mit uns trinken?“ Die drei Männer an ihrem Tisch auf dem Bürgersteig, eine Altherrenrunde neben den Gleisen der Tante Jul, sie hatten uns amüsiert zugesehen, als wir zum Park spazierten. Sie boten mir eine Runde Wein an. Großzügig, spontan. Ich Schafskopf hatte nur freundlich mit dem Kopf genickt, wies auf unsere Gruppe, die weit vor mir ging. „Der Anschluss, sie verstehen, ich möchte den Anschluss nicht verpassen“. Handbewegungen, Körpersprache. Sie verstanden. Ich nahm mir vor, nach Porto zurückzukehren. „Bom Dia, wir teilen uns eine glückliche Stunde...“ Into the wild Porto: die Einladung dieser Pensionäre an ihren Tisch: Ich hatte den Anschluss an ihre Freundlichkeit verpasst. Unverzeihlich.

 

Vergangenheit und Gegenwart

 

Immer wieder, so fiel es uns auf, bestach die Stadt durch ihre leichte bis schwere Patina auf Balkonsimsen und an Kirchenfassaden. Gleichzeitig war sie modern, erfrischend, jugendlich, und großzügig, wie erlebt. Die allgegenwärtigen Restaurants, manchmal auf winzigen Balkons eingerichtet, mit ihren preiswerten, wohlschmeckenden Gerichten, das nächtliche, besonders an Wochenenden unablässige Brausen und Rufen und Lachen nebst Motorlärm in den engen Gassen, das Schildchen am Maschendraht, refugees welcome...es waren Momente des Aufbruchs, fand ich, Stunden, in denen Porto seine Zukunft vorbereitete, auch oder gerade weil die Stadtoberen aus der Krise gelernt hatten, dachte ich mir, dass zu ihrer Überwindung, nicht allein, aber doch der Glaube gehört, die ganze Finanzmisere meistern zu können, und dass das positive Lebensgefühl in dieser kleinen Metropole am Meer, auch im Schatten geschlossener Bankhäuser, gefördert werden muss. Es gibt neue Jobs, e.a. der Tourismus, besonders der kulturell geprägte Tourismus. Dieser kann nicht nur eine einträgliche Finanzquelle sein, sondern auch eine shared happiness. Wir waren sehr willkommen, an jeder Ecke, an jeder Sehenswürdigkeit, wir fühlten uns wohl, weil es so gewünscht und sicher auch so geplant war.

 

Die Casa da Música, das Haus des Orquestra Nacional do Porto, das mittlerweile zum Zentrum des kulturellen Portos zählt, wurde im Kulturjahr 2001 vom holländischen Architekten Rem Koolhaas errichtet. Der Bau ist ein „monument à la fois minimaliste et d'une grande audace créative “ 6  führend in Metall und Glas und liegt in Boavista, einem der weniger touristisch besuchten Viertel Portos. In direkter Nähe war ein bescheidener, kreisrunder Park angelegt, der Jardim da Boavista, in dessen Zentrum das Monumento aos Heróis da Guerra Peninsular steht, eine mächtige Säule, dem Sieg der Briten und der Portugiesen über die napoleonischen Heere gewidmet. Das dargestellte Schlachtengetümmel mit Soldaten, sterbenden Pferden, Kanonen, mit den Frauen als Heldinnen rund um den Sockel, wurde überragt von der mächtigen Skulptur eines wütenden Löwen, der den Adler in seinen Pranken zerreißt. Vergangenes und Gegenwärtiges können sich in intelligenter, urbaner Verwobenheit zu aufregenden Momenten verbinden, so mein Eindruck.

Ebenso das Centro Português de Fotografia, das im alten Stadtgefängnis, am Campo dos Mártires da Pátria eingerichtet worden war. Ich musste schmunzeln: definitiv sind ausrangierte Gefängnisse oder leere, industrielle Wassertürme bestens dazu geeignet Fotografie aufzunehmen. Solche Zweckbauten können durch den Reiz unerwarteter Inhalte sowie durch entsprechende Ausstellungskonzepte kulturell und künstlerisch stark aufgewertet werden. Schade nur, dass die oberen Etagen gerade restauriert wurden und demnach geschlossen waren. Die Dauerkollektionen waren nicht einzusehen. Im Erdgeschoss dagegen präsentierte Leonardo Kossoy seine Arbeiten Only You, in einer thematischen Performance von Kerkerzellen und grenzenloser Freiheit, in Fotografien, in Collagen, in einer Videoprojektion, in kunstvoll arrangierten Darstellungen eines nackten Paares und seinem Widerstand gegen Mauern, gegen Begrenzungen und Gefängnisse jeglicher Art. Die historisch-dokumentarische Ausstellung über Portugal, 1933, von Eduardo Hernandez-Pacheco e Estevan, spanischer Geologe und Fotograf, war hingegen ernüchternd. Vielleicht lag es an den etwas lieblos hergestellten Vergrößerungen, vielleicht auch an der Art, wie diese an Holzkästen als Ausstellungswände präsentiert waren.

6 Porto, en quelques jours, Stadtführer lonely planet von Kerry Christiani, 2015 

 

Fahrt ans Meer

 

Bleibt das Meer, zum Schluss, immer wieder das Meer, Anfang und Ende. Immer wieder gehört und gelesen. Die Brecher an der Douro Mündung, die Möwen, die über die Leuchttürme schwebten, mit ihrem kreischenden Lachen... nur der Taxifahrer war eine wirkliche Überraschung, als er uns morgens an die Küste fahren sollte: immerzu grinsend und mit dem Kopf nickend fuhr er uns hinein in ein fremdes Parkhaus, hinaus aus dem fremden Parkhaus, „sag ihm doch er soll stehen bleiben, sofort, ich steig aus! “, die Rufe im hinteren Teil des Wagens wurden zunehmend lauter, bei Rot durch die Ampel über die Kreuzung, „stopp, stopp!“, er grinste und nickte, dann ein zweites Mal: rein in ein Parkhaus, „was hat der vor? Verdammt noch mal!“, raus aus dem Parkhaus, „der ist nicht von hier, sag ihm er soll anhalten!“, dann die Küste vor Vila Nova de Gaia, er grinste und nickte, ja, ja, er hatte verstanden, entschuldigte sich. Vielleicht war er nur müde gewesen an diesem frühen Morgen. Wir waren erleichtert. Ich fotografierte.

Die harten Stöße in der Maschine nach Luxemburg, abends, die Turbulenzen über der Küste, sie erinnerten an die Wellen, die krachend gegen die Kaimauern schlugen, sympathische Knuffe: „Kommen sie doch wieder! Sie haben ja nichts gelesen, von Porto. Nichts erfahren. Nur Tourismus gesehen. Stimmt's?“

Stimmt. Nur haben wir erfahren, dass unser Ziel ein teaser geworden war, ein appetizer, wie sagt man doch? vor allem ein Glücksfall, nach einer Reise, die uns eigentlich nur einige Tage, zum Schluss der Schulferien, so ganz schnell, fast beiläufig, in den Süden führen sollte.

 

***

Kommentar schreiben

Kommentare: 0