Der Engel von Skopje

 

Sie stehen gerne auf Sockeln. Das haben Engel so an sich. Sie kokettieren aus der Ferne und erscheinen einem zugleich sehr nah. Mit den Händen zu greifen, so nah. Auch wenn man sich als Skulpturenpfleger mit Lappen und Paste an das Scheuern der Zehen gibt, Engel sind ja zumeist barfüßig, kündigen sie ihre Doppelbödigkeit nur dem an, der sich, spazieren gehend, ehrfürchtig aufschauend, eine Heilsbotschaft erhofft, welche auch immer, von diesen schillernden Figuren, die zwischen Himmel und Erde thronen.

Ihrer Natur gemäß sind Engel also Medium zwischen hoch und tief, zwischen gestern und morgen. Nur im Heute sind sie nicht greifbar, was ihrer Faszination eine durchaus fassbare Größe verleiht.

... ... ...

 

Kurzgeschichte, 2017, 3 Seiten, 7.205 Voll-und Leerzeichen, unveröffentlicht 


 

im Rahmen der für Juni 2107 im CNL (Centre national de littérature) geplanten Ausstellung

aufbewahrt! Das literarische Leben in Selbstzeugnissen, Dokumenten und Objekten

 

 

Schnipsel, Schnitt und Leerspulen   

 

Kommentare  zum Luxemburger Amateurfilm »Die junge Magd«, gedreht 1978 nach der gleichnamigen Ballade von Georg Trakl

  

  

 ... ... ...

 

Die Fotografien zeigen Portraits, Filmszenen, die Landschaft, vor allem, unser Bild der mächtigen Fichte mit der Mühle im Vordergrund. Das Wehr an der Sauer, rechts davon, leuchtet etwas heller. Sie sind Splitter eines bunten Projektes geblieben. Ich habe sie eingefärbt, deswegen. Ein bisschen fake dazu gemischt, weil Erinnerung sich immer in Gegenwart kleidet. Die Fichte gibt es nicht mehr. Auch nicht die Schmiede. Die Mühle wurde umgestaltet. Die Brücke über der Sauer: Wir haben sie aufgesucht, meine Frau Nänz und ich, um uns zu erinnern. Wie man den Grabstein eines lieben Verstorbenen aufsucht. Neben dem Brückenbogen wurden Szenen gefilmt. Mit allen Unzulänglichkeiten. Mit wenig Geld, vor allem, mit enormer Begeisterung.

 

... ... ...


Berliner Böller

 

Jahresende. Neuanfang. Beunruhigend war 2016, verstörend die Nachrichten in den Medien. Zeile um Zeile um Titel hatte er sie präzise gelesen, selten verdaut. Das kann doch nicht sein! »Ein Trumpelmann, pardon, Hampelmann, bin ich geworden«, sagte er sich. »Was ist mit meinem europäischen Bürgertum? Mit mir, dem Aufgeklärten? Einem Kind des Lichtes? Eingeständnis: »Ich weiß nicht alles besser. Loin de là. Ich weiß es manchmal gar nicht.« Im Verborgenen glaubte er jedoch, ein Weisheitszahn zu sein. Den es nicht braucht, im Prinzip, sagte er sich. Aber es beruhigt, ihn in der hintersten Backe gelegentlich ganz leicht mit der Zunge zu ertasten: Aha! Die Weltpolitik, denkt er, sie geht mich etwas an. Ich bin Weltbürger. Bin Globalisierungselementarteilchen. Und ich bin dazu verdammt, ein bisschen über diese Paranoia zu schreiben. Die Doomsday-Clock – two and a half minutes before midnight, bravo Donald! – nicht außen vor zu lassen. Am Rand eines gewaltigen Kraters zu schreiben, der sich Demokratie nennt. 

... ... ...

vorgetragener Text anlässlich des WIP Word in Progress, KUFA, 14.03.2107 


Leuchtende Steinquader, violett gestrichene Fensterrahmen, ein gähnendes Loch im Mauerwerk als Garage: Die Wünsche und Befindlichkeiten der jeweiligen Bewohner eines Hauses in Düdelingen, einer Luxemburger Kleinstadt an der französischen Grenze, finden ihren Ausdruck in nicht enden wollenden Renovierungsarbeiten, die allesamt auf teils logische, teils außergewöhnliche Art miteinander verwoben sind. 

 

Haus der vier Jahreszeiten

 

1.

»Es existieren schamanenhafte Orte im Amazonas, Iquitos zum Beispiel oder Laetitia, die man nur mit dem Flugzeug oder nach Wochen mit dem Boot erreicht. Es sind Siedlungen am Ende der Zivilisation, wo Rauch nicht gleich Rauch ist, die Hütten gelben Vögeln gleichen, wo das Licht spärlich ist und die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahn, zwischen Körper und Seele neu gezogen werden. Im Schein des Feuers wird die uralte Einheit von Schmerz und Lust beschworen, schwellen Beziehungen zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen zu gewaltigen Strömen an, um sich zumindest an diesen Orten einer Ausgewogenheit zu nähern, welches die Natur vom Beginn der Zeiten an als ihre einzige Chance zum Überleben eingerichtet hatte.«

 

Note: mittelmäßig. Ich hatte maßlos übertrieben. Wie meistens in dieser Zeit der durchtriebenen Sekunda, Anfang der Siebziger. Klimaschutz und Menschenschutz: 

»Es ist schwerfällig, was Sie da gedeutet haben.« Der Lehrer.

»Finden Sie?«

»Natürlich. Fantasie braucht Ruhe, um zu reifen.«

»So? Ich dachte, Fantasie wäre eine brotlose Kunst, auf jeder Straßenecke aufzulesen.«

»Sofort zu verdauen, meinen Sie?«

»Warum nicht?« 

»Die Wirklichkeit wird dadurch nicht reicher.«

»Widerspruch, Euer Ehren.«

»Warum?« 

»Sie hatten vergessen: Wirklichkeit kann ...«

»... ist...«

»... sollte doch nicht, wirklich nicht...«  

»...wirklich dargestellt werden, meinen Sie?« 

»Fürchterliche Dinge geschehen auch ohne uns.« 

»Leider. Also noch mal von vorn: sanfter und geschmeidiger, der Text. Vor allem weniger schwülstig.« 

»Ich werde mir Mühe geben, Euer Ehren.«

»Dabei bin ich mir nicht sicher, ob der Herr den Text nicht irgendwo abgekupfert hat.«

»Nein, nein, nein.«

 

... ... ...

Erzählung, 2016, 24 Seiten, unveröffentlicht


 

post abi magie

 

Meine Reise nach Italien 

 

wie ich meine Unschuld in Nachbars Garten bewahrte, das Meer in einem Klavier vermutete, ein Freilichtkino in Pesaro besuchte und Italien als Land der Wunder bewundern lernte

 

Wir feierten. Wir zechten den Nachmittag durch. Ich war eingeladen worden. Zu einer dieser  Partys, die sich nach dem Abi vervielfältigt hatten. Der Geographie Lehrer hatte uns mit guten Ratschlägen ins Examen begleitet, mit solidem Fachwissen, mit Humor, vor allem. Es war seine Tinktur gegen unsere Angst an den Schreibpulten, die isoliert entlang dem breiten Flur standen. Flüstern, Infotausch: es war ausgeschlossen. Jedes Stühlerücken, sogar nur das Knistern eines Heftdeckels im großen, stillen Saal, in dem wir unser Abitur schrieben, rief sofort einen Aufpasser auf den Plan, der mit unheilverkündenden Schritten herbeieilte. Kalifornien, China, Afrika, das Klima, die Wirtschaftsleistungen der Länder und Kontinente, ihre Bevölkerungen, das Brutto Inland Produkt usw...die Themen gefielen mir, doch mein Fachwissen hielt sich in Grenzen. Meine Angst vor den Examenstagen war beträchtlich gewesen, die Nächte kürzer als ich gehofft hatte. An Tiefschlaf war nicht zu denken. Ich musste mich einteilen zwischen essen, duschen, büffeln. Ich hatte einige Übung und leierte die Kapitel im Kopf herunter. Ich schaffte die meisten Fächer so gerade noch vor dem Tag X und erlitt Schiffbruch mit der économie politique, die ich erst im letzten Augenblick zur Hand nahm. Zu spät. Mir blieb eine einzige Nacht vor der Prüfung und ich hatte das Buch nicht einmal ansatzweise wiederholt durchgesehen. Mein Captagonpillchen lag in zwei winzige, weiße Hälften zerteilt in meiner Hand. Die Schachtel für den Nachschub, wenn er denn benötigt würde, wartete in greifbarer Nähe. Brave new world: eine Droge, die ein Buch verschluckt. Ich sog mir Kapitel um Kapitel in den Schädel, ohne Pause. Ich war hellwach. Die Buchstaben, Sätze, die Überschriften, die Erklärungen und Ergänzungen, sie flogen aus den Zeilen direkt ins Auge, direkt ins Hirn. Ich lernte begierig, wurde süchtig nach weiteren Abschnitten, unvorstellbar schnell ging es ab mit dem Lernen, immer wieder, Seite um Seite.  Am frühen Morgen war das Licht über dem Stadtpark fahl, so wie die Farbe meiner Nase und Wangen. Ich hatte es geschafft ein Buch in einer einzigen Nacht auswendig zu lernen. Ich hatte Hunger, duschte und schrieb trotz allem eine sehr mittelmäßige Examensnote in diesem Fach. Bevor das Abi zu Ende war, hatte es mir solide vor den Augen gedreht. 

... ... ...

 

Erzählung, 2015, 9 Seiten, unveröffentlicht 


 

1.

 

Dem Till seng Mamm war gestuerwen. Mëttes hat d’Nopesch telefonéiert: d’Madame, si hätt d’Rolllueden nach erof. Et wär net normal.

Dem Till seng Mamm louch am Bett. Si war entschlof. Friddlech. Si war Witfra. Schonn zënter néng Joer. D’Nuetsdëschluucht huet nach gebrannt, wéi den Till an d’Schlofkummer koum. Virun zwee Deeg war se bei de Bäcker getrëppelt. Ouni Bengel. Den Till hat Kaffi mat hir gedronk, owes, no senger Aarbecht op der Bank. An der Schlofkummer waren d'Geräischer vun der Strooss nëmme vu ganz wäit ze héieren. Ewéi wann d’Stëllt ronderëm d’Läich net dierft gestéiert ginn. Dem Till seng Mamm hat den Diwwi nach hallef op de Been leien.

D’Haus war grouss. De Gaart war grouss. Dem Till seng Kandheet, seng Jugend, säi

Bestietnis mam Lucie, d‘Kanner: d'Erënnerungen houngen un de Maueren, agerummt, beschrëft, versuergt hannert alem Glas. D'Miwwele ware gewichst a geblénkt. Dem Till seng Mamm war eng Fra, déi d'Famill zesummegehalen huet, mat hirer Frëndlechkeet, mat hirer Kachkonscht, déi vu Judd mat Gaardebounen, iwwert eng wierzeg Pasta, gebrode Kanéngercher mat Speck bis bei Vanillspudding, geträtscht mat Friichten aus der Bécks a Schlagsahn gereecht huet.

Dem Till seng Mamm gouf begruewen, begleet vun der Peer Gynt Suite aus dem Kassetterekorder an enger Ried vum Kaploun. De Kaploun war nach jonk. En huet dem Till seng Mamm net kannt.

D’Haus ass verkaaft ginn. Et war en Akt vu Léift, huet den Till fonnt. En huet sech erausgesicht, wat e gebraucht huet: e puer Bicher, eng sëlwer Zalättchen, säin ale Flipper, eng Rouerzaang vu sengem Papp, e ronne Kaktus. D’Lucie huet gemengt, si hätte genuch Krom bei hinnen doheem an de Rescht sollt verkaaft oder un aarme Leit verschenkt ginn. Esou gouf dem Till senger Mamm hire Stod opgeléist. Stéck fir Stéck sinn d’Tasen, d’Telleren, d’Glieser, Teppecher, d’Tiefkühltruh, de Kleederschaf, d’Fotellen, de Fernseh, d’Bett mam Diwwi vun hire Plaze geréckelt ginn, hu sech aus dem Stëbs vum Haus gemat, dat eidel gouf, méi breet gouf, méi déif... de Gaart ouni d’Bänk an den Dëschelchen ouni de Kaktus...d'Haus gouf eidel a gouf friem. Stéck fir Stéck, ewéi op enger Brëtsch, sinn d’Still erausgedroe ginn...wat rescht blouf, ware plakeg Maueren, eng Këscht Stëppercher géint d'Péng nieft dem Waassersteen an der Kichen. D‘Zëmmere goufen hell, liicht ënnerkillt, neutral eigentlech: Si hu gewaart, ouni Séil. 

 

... ... ...

Erzielung, 2016, 17 Säiten, veröffentlecht an Galerie Revue Culturelle et Pédagogique, 34 (2016) N°2

Säit (34) 245

15.-€/ CCP Centre Culturel de Differdange IBAN LU03 1111 0389 8184 0000