De Gewantierkeler 

 

 

Bei de Pull féiert e Piedchen. E romantesche Wee, matzen duerch d’Louhecken, déi d’Lut sënneren.

E war, et ass eng Waasserplaz matzen am Bësch. Ouni Kaart a Kompass stoung ech op eemol mat de Schong am fiichte Bulli. D’Plaz hat sech net ugekënnegt. Et ass kee Fuedem aus enger Quell iwwert de Bëschbuedem gelaf. Ech hätt en erbléckst, tëscht dem Onkraut an de Blieder. Et waren och keng Trëtt vu Wëllschwäin ze gesinn, oder vun engem Réi. Keen Ofdrock vu Vëlospneuen oder engem Spadséierbengel. Um Bord vum Pull war de Buedem glat, wéi mat enger Traufel verzunn. Klinzeg Lächer hätten u Kiewerleken erënnert, u Wierm oder Raupen. D‘Wasserlach war net déif. Um Fong louche Blieder ewéi Stécker Pabeier, op deenen e puer Wolleke geschwomme sinn. 

 

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D’Waasser, schéngt es, hat es genuch vum sichen, fléissen, netzen, vum drëpsen, vum taaschten, befiichten, vum spruddelen a schaimen, vum sabbelen a schluppen. Et gouf midd mat der Zäit a wollt sech ausraschten.

Wéi grouss muss den Duercherneen ënnert dem Buedem sinn? Zougepraffte Longen, sprock a verdréchent Schanken trëllen iwwereneen, falen sech an d’Wuert, verziele verréckte Geschichten, déi am Däischtere geschriwwe goufen, vun him, dem Gewantierkeler, deem krommen Hond, dee schléckt, sech verschléckt, ofschléckt, d’Hunneféiss, d’schwaarz Kiischten, d’Stäremoos, de Bësch, d’Wisen, d’Felder mat hiren Däller a Koppen. Nëmmen eng Bless ass nieft mengem Spadséierwee ze gesinn, e glënneregt An, dat sech zu Doud erféiert huet.  

 

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ze déif an d'Gewan gekuckt, 20 Glieser an e puer Schierbelen

aus

Nuebelschnéier, Editions Kremart, Hierscht 2023

 


 

Der Park von Mondorf les Bains

 

Besuch bei einem Vereinsamten 

 

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2.

 

Schritt um Sohle. Der Staub klebt an den Schnürsenkeln. Pas sur pas, langsam wegen der Hitze im Juni 2023. Ich flaniere entlang einiger Geschäftsvitrinen, erblicke die Fassaden von Wohnhäusern, französische Belle Epoque Schnörkel die Fenster hoch, die farbglasigen, die stilisierten Blüten den Balkon umrundend und weiter. Ich komme vom Parkplatz und bewege mich, mit leichter Kamera und leichtem Stativ in Richtung des Altehrwürdigen, dem Park, dem Hüter der Mondorfer Geheimnisse, glaubte ich mir selbst.

Der Kleidung kommt im Kurort seit seinem Beginn eine besondere Bedeutung zu. Im bekannten Luxemburger Gedicht d’Maus Ketti von August Liesch steht am Anfang der Vers:  

 

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An ass et mir net an der Rei,

sinn ech zevill puppsat, 

ginn ech am sondësse Gezei 

no Munneref an de Bad.“ [i]

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Sonntagskleidung? Ja, ich erinnere mich als ich mit Großmutter in der Kur war.

Die Besucher trippelten mit schickem Hut und schmuckem Mantel entlang der Wege. Mondorf und sein Park waren Ausflugsziel in guten Kleidern, mit guten Sitten. Die Anlagen  duldeten keine Störung. Kein Straßenmusikant, der eine Chance gehabt hätte. Kein Mensch, dem das Betteln erlaubt gewesen wäre. Der Park hatte alles was man damals zum Anziehen brauchte. Er bot Arbeiterfamilien den Luxus einer kurzen Erholung von Hüttenlärm, lud sie ein in die Nähe einer mineralwasserwütigen und flaniersüchtigen Mittelschicht.

 

Zudem konnte der Ort durch seinen Namen reizen. Weil in Mondorf-les-Bains diese willkommene Nähe zum Landesnachbarn mitschwingt. Man wollte Franzose sein in den fünfziger Jahren, wollte die Sprache und die Baguette und Piaf und die Côte d’Azur: Frankreich war Freund, nicht Feind, war helles Evakuierungsgebiet der Luxemburger nach dem Einmarsch der Finsterlinge am 10.5.1940. War Landungsgebiet der Alliierten in der Normandie. „Si si gelant!“

Dazu lockte inmitten der Parkanlagen Unterhaltung, angefangen mit einer Bootsfahrt über das gestaute Flüsschen Gander. Dazu ertönte das Rasseln der Anlegeketten, stießen die schwergewichtigen Kähne aneinander, erklang das metallische bonnnng bonnnng, wieder und wieder, war es der Ton zum Aufbruch einer Paddelfahrt um die Insel, hin zum Stau vor dem Überlauf, der nur in der Vorstellung gefährlich war, und wieder zurück. Begleiteten uns damals Schwäne, anstelle schmuckloser Enten, heute? Es hätte gut sein können. Es hätte gepasst zum Park sich vornehm manieriert zu geben, schon seit Jahrzehnten: Ein weißer Kiosk mit Fontaine lud in den zwanziger Jahren zum Wassertrinken ein, so auf dem Foto meiner Urfamilie. Ein Beweis, dass die mutigen Koster den Schluck aus der Source Kind, den grässlichen, überleben wollten. 

 

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unveröffentlichter, illustrierter Text
1.799 Wörter, 12.77 Voll u.Leerzeichen 

[i] Aus D‘Maus Ketti, bekanntestes Gedicht von August Liesch, basierend auf der Fabel des griechischen Dichters Äsop über die Stadt-und Feldmaus, ã 2003 Editions Schortgen, Esch-sur-Alzette/1e édition Gust Soupert 1936   


  

Die letzte Reise 

der Dame Vittoria Roccardo

 

 

1.      

 

Schiefe Wände und schlecht genagelte Dielen gehören nicht in die Lokale eines Bestatter Unternehmens. Ganz gleich in welcher Stadt oder Ortschaft dieses existiert, sie wären ihm unwürdig. Vermiesten dem Betreiber den Auftrag Charon zu sein vor der Gruft, dem Feuerofen oder den Katakomben. Ein Fährmann hat Pflichten und Auflagen, hat für Ordnung und Präzision zu sorgen. 

 

Das Unternehmen von Friedrich Friedhain in der Kleinstadt Groß ist bescheiden in seinem Anspruch an Kult und Zeremonie. Nichtsdestotrotz gelten auch hier die gleichen Vorgaben wie in Konzernen: Eingesargt wird nach Größe und Gewicht, nach Vorstellung und Bankkonto und auch kleinere Ateliers sind imstande, ihren Beitrag zu leisten für die ortseigene Statistik über leer stehende Mietwohnungen.  

 

Es sind Orte, an denen zu arbeiten es ein Privileg ist. Die Telefonist:innen und Sekretär:innen, die Schreiner und Sägemeister sowie die Frau des Totengräbers verkünden es Tag für Tag: „Nein, nein, wo denken Sie hin? In unserer Branche wird nicht gestorben, sondern gelebt, mit Memorystickers, Andenkenkarten, mit test your past face Apps und ewigem Licht. 

 

Niemanden darf es demnach verwundern, wenn die Sorgfalt zum obersten Gebot erklärt wird. Weder am diesseitigen Ufer des Styx noch am gegenüberliegenden Ankerplatz ist das Detail vernachlässigt. Im Fährboot sind die Sitzbänke ordentlich verschraubt und die Planken verdichtet. Alles, was sich gehört. 

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 unveröffentlichter Text 

10109 Wörter, 65388 Voll u. Leerzeichen 


Madeira 

 

Hunde im Tiefschlaf     

 

  

1.

 

Auf der Türschwelle zum Ausstellungspavillon entdeckte ich Abdrucke von Hundepfoten. In Vitrinen waren Korallenfächer, Korallenfinger und Korallenschnüre ausgestellt. Reste von Nautilus Spiralen und Phiolen mit merkwürdig verdrehten Fischköpfen wurden verwahrt wie Reliquien, denen man eine Kirche schenken wollte. Ich nahm an, dass der weit aufgerissene Haifischkiefer an der Wand ebenfalls ein Original wäre. Anders als die gepfählten Pappmaschee Fische und Seeschildkröten in meiner Nähe. Der Kontrast zwischen Imitation und Vorbild konnte grösser nicht sein.    

 

Nur wenige Touristen besuchten an jenem Nachmittag das kolonial anmutende Gebäude im höher gelegenen Teil des botanischen Gartens Madeiras. Seine Veranda gab einen Blick durch Laubgirlanden auf die Blumenbeete zwischen Fächerpalmen. Andere Terrassen des Gartens erlaubten eine Aussicht über Funchal, auf das Meer. 

 

Als wir in den Strohsesseln saßen, Nanc und ich mit unseren Freunden Karen und Le, die Knie an der regennassen Balustrade des Balkons, stand die Enge des Ortes im umgekehrten Verhältnis zum Reiz, den das schmale Pavillon schon bei einem ersten Besuch vor Jahren auf mich ausgeübt hatte. Dr. Urwald und Professor Dschungel hatten hier vorbeigeschaut, schien es mir damals. Jetzt erinnerte das Sammelsurium von naturwissenschaftlichen Objekten, ihrem Verkitsch, das scheinbar vernachlässigte, doch irgendwie in Schuss gehaltene Kuriositätenkabinett wiederholt an den Eifer Illusion auch andernorts in Madeira zu schaffen: Taubensilhouetten standen vor der Meereskulisse, ein Frauenkopf aus Ton überraschte auf einer Dachschräge. Die Fassaden der Häuser in Jardim do Mar harmonisierten mit den ins Pflaster eingelassenen, stilisierten Blüten. Oder waren diese längst vergessene Buchstaben, die in Verbindung standen mit den vielerorts im Februar noch leerstehenden Ferienwohnungen? Vielleicht um die kommende Hauptsaison neu zu schreiben? 

 

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unveröffentlichter, illustrierter Text als Reisebericht verfasst

4548 Wörter, 29.937 Voll u. Leerzeichen