work in progress ... portfolio Haard, Staebierg, Hessebierg 

 

Die früheren Tagebaugebiete auf der Düdelinger Haard sind heute ein Naturreservat. Die  Zeugen der Schwerindustrie und der einzigartige, fragile Pflanzenwuchs, das nahezu organische Nebeneinander von Vergangenheit und Gegenwart sind u.a. Gegenstand der fotografischen Arbeit. Immer noch üben die Flora sowie die Suche nach den industriellen Spuren eine Faszination auf den Autor aus. Das Projekt, das sich über drei Jahre lang entwickelte, kommt zu einem Ende. Geplant ist eine Veröffentlichung unter einer zu bestimmenden Form. Mit einbezogen werden Aufnahmen, die auch den südlichen Teil der ehemaligen Tagebaugebiete, nach Tetingen und Rümelingen gelegen, miteinbeziehen, den  Staebierg und den Hessebierg


work in progress...

 

Räume, Grenzen, Orte ist der Arbeitstitel eines Fotografieprojektes, das die Kulturlandschaft als Raum darstellt, gleichzeitig Grenzen aufzeigt, die von der Natur und  vom Menschen gezogen wurden. Somit definieren sie neue, manchmal unerwartete Orte und prägen den Moment des Gesamtbildes. 

 

oben: Landschaften nahe Aspelt und Frisange (L)

unten links: Ebene zwischen Zoufftgen und Kanfen (F) /unten rechts: Sauertal nahe Goebelsmühle (L)  

 


Miniliteraturen

 fotografische Essays, Bild-und Wortdokumente  

 

 

 

Droge Flora

 

Essay

 

 

 


Das folgende Essay sollte keine Neufassung alter Anekdoten sein über unser ehemaliges Familienchalet mit dem Namen Flora an der Luxemburger Obersauer. Es gäbe auch nichts wesentlich Neues zu erzählen, im Sinne von Abenteuer, die ich als Kind einmal dort erlebt und vergessen hätte aufzuschreiben. Natürlich bleibt immer noch das Flüsschen, das sich durch das Tal zwischen Ierpeldeng und Méchela windet. Noch immer gibt es den Wasserlauf, dessen Quelle in einer hoch gelegenen Viehweide aus dem Boden gluckert. Es bleiben die Wolken, die die Höhenzüge kleiden. Es sind Plätze, die ich lieb gewonnen habe mit den Jahren und die hin und wieder einen Abstecher dorthin rechtfertigen. Um nachzusehen, aus ehrlicher Sorge heraus, ob kein Einbrecher die Tür brachial aufgebrochen hat. Um zu untersuchen, ob das orangerote Ziegeldach unbeschädigt geblieben ist, die Bäume weiter gewachsen und die Hecken dichter geworden sind.

 

Man kehrt gerne an Orte einer wohlbehüteten Kindheit zurück. Eine kürzlich getane Reise in die Schweiz war Gelegenheit, den Vierwaldstättersee zu besuchen, an dessen Ufer ich als Dreikäsehoch für eine Fotografin posiert hatte. Während eines nächsten Ausfluges an die Simmenfälle stellte ich fest, dass es die Pension Alpina in Lenk immer noch gibt. Inklusive leuchtende Geranien an der schmucken Holzfassade. Nur das Nachbarhotel, von dessen Spielplatz meine Tante und ich fortgejagt worden waren, ist abgerissen. Gut so, dachte ich, das hat man davon, wenn man Kindern die Unschuld einer Schaukel verweigert. Man kann die Erinnerungen verwahren wie ein kostbares Gut oder sich über begangenes Unrecht entsetzen. In meinem Fall waren es die Orte in Vitznau und Lenk, das Hier und Jetzt ihrer zeitlosen Anmut, die ich mit Freude wiederentdeckt hatte. 

 

Nur fragte ich mich dagegen öfters, warum das banale Grau der Schieferplatten auf den Fenstersimsen unseres Familienchalets mich heute noch reizt? Der Wasserhahn, die schlappe Wäscheleine, die staubige Feuerstelle unter dem Blechdach, das grob gefräste Überlaufrohr im Auffangbecken des Wasserlaufs und der scharfe Geruch im angrenzenden Schuppen ... warum sind sie für mich so unsinnig verführerisch geblieben? Vernebelnd, betäubend auch? Als würden sie mein Hirn mit einer Droge vollstopfen, der Droge Flora?

Manchmal denke ich, würde ich übertreiben. Hätte ich als einziger der Familie einen achten Sinn für Erinnerungen entwickelt, die in rostigen Eisennägeln stecken. Oder in einem Mauerriss. Doch, dem ist nicht so. Das Thema Flora scheint aufzuwecken, zu stimulieren, andere wie mich selbst: Nachbarn, die einmal dort zu Besuch waren, meine Frau, die Kinder, meinen Bruder, die Kusins, ihre Partner, Bekannte - das Chalet wird regelmäßig zum Beschleuniger der Gespräche bringt man diese einmal auf den Punkt. Als wären die einst am Bierdener Hals gelebten Stunden ein wohlschmeckendes Konfekt Made of pure Memory geworden. 


Liegt es an der Art, wie das bescheidene Domizil in den Fünfzigerjahren errichtet wurde? Oder am Umstand, dass meine Großeltern diesen Winkel an der Sauer und keinen anderen noch vor dem Zweiten Weltkrieg ausgekundschaftet hatten? Als Luftkurort sozusagen, um dem Staub der Eisenhütte in unserem Heimatort Düdelingen zu entfliehen? Um die dröhnende Kulisse regelmäßig zu tauschen gegen eine stille Alternative? Die Gespräche, als ich Kind war, drehten mit schöner Beständigkeit um die Dinge des damaligen Bauvorhabens, um den Sand, den Kies, die Bretter, den präzisen Platz, wo sie gestapelt worden waren. Sie kommentierten die Schrauben, die Gewinde und Holzleisten, die Schachteln mit den kleinsten Objekten des täglichen Gebrauchs. Sie erwähnten die selbstgefertigten Klappläden, die handgemachten Gardinen, die Kissen, die Bettbezüge, den Stoff, aus dem damals die Wünsche und Vorstellungen genäht waren.

Nicht weit entfernt vom großväterlichen Feriendomizil, baute der Bruder meines Opas seine Villa Alpina. Setzte Blechdach auf Bimsstein. Verschraubte den Halter und hisste die Fahne. Flora war dem Namen eines historischen Hotels in Vitznau nachempfunden. Alpina sollte an die Gipfel der Alpen erinnern. Vielleicht an die blumige Pension in Lenk.

Die Schweiz spielte also eine besondere Rolle bei der Namenswahl beider Chalets. Gewiss auch eine solche bei der Entscheidung einen Ort auszusuchen gelegen am Pfad zum Aussichtspunkt Predigtstuhl mit Weitblick bis zu den Dörflein Bierden und Buerschent unter den Wolken. 


Das Chalet sollte ein Rückzugsort in der Natur sein, eine Erholung von Alltag und Plackerei. Im Häuschen existierten jedoch keine Klospülung, kein Kanal, kein elektrisches Licht, kein Telefon und keine Heizung. Es führte keine Busverbindung am Ort vorbei. Es gab nicht den gewohnten Gang zum Metzger, zum Bäcker oder zum Krämer. Meine Großeltern hatten ihre Gebrauchsartikel aus dem Düdelinger deep south in den Wagen gepackt und packten dieselben vor dem Chalet wieder aus. Und doch veränderte sich manches. Einmal angekommen, redeten sie nicht über den umständlichen Wechsel der Bettbezüge, nicht über das langwierige Heizen der drei Räume mittels Ofenherd, das beschwerliche Füllen des Kühlfachs, das als Erdloch unter dem Tisch Milch und Butter vor schnellem Verfall schützte.

Sie und meine Eltern lebten während der folgenden, ruhigen Wochen am Rande der lichten Eichenwälder. Sie unterhielten sich abends im Schein der Petroleumlampe über die geselligen Abende im nahen Café Willspull. Sie plauderten über den holprigen Summerwee über den wir, Taschenlampen im Anschlag, den Weg vom Gasthaus zu Flora jederzeit zurückfanden. Sie lachten über die Mühen ihrer sehr einfachen Station an der Sauer, weil mit jeder Kelle Mörtel und jedem Dachziegel auch ein Teil ihres geträumten Lebens mit verbaut und vernagelt worden war, um fortzubestehen, wenn das Gewöhnliche längst vorbei war. 

 

Es wundert mich demnach nicht, dass betuchte Verwandte zu meinen Großeltern fanden, sich in Kostüm und Krawatte ablichten ließen vor dem Tor, das seinen Bogen mit dem Namenszug unverändert von Sockel zu Sockel spannt. Dass sie es damals getan hatten, lächelnd, gut gelaunt, wohlwissend, dass das Chalet auch sie willkommen hieß, die feinen Hauptstädter mit dem breiten Wagen und den komfortablen Sitzen. Es freut mich, dass es auch für meine Eltern ein Akt von Stolz war, zu posieren vor den selbstgefertigten Türgriffen und den prächtig gewachsenen Gladiolen. Weil es ihnen ein Bedürfnis zu sein schien, der noblen Verwandtschaft die Doppelbelichtung der eigenen Person vorzuführen, als leichte Überhöhung ihrer bescheidenen Existenz als Arbeiterfamilie. 


Sicher liegt es an diesem beherzten Unterfangen meiner Vorfahren, das meine heutige Schwärmerei beflügelt. Dazu gehört auch die Erinnerung an die Nachmittage, die ich später mit meiner Frau und unseren Kindern auf der Wiese verbrachte. Auf ihr tat ich selbst meine ersten Schritte. Nur können diese Gedanken allein nicht die Gier nach Alpha erklären. Diese packt mich hin und wieder so heftig, dass ich Stunden und Tage verweilen möchte auf der harten Holzbank. Nicht weichen möchte von dem Ort und seinen Objekten, den Räumen, Einrichtungen, ihren Farben und Gerüchen, die ihre originale Konsistenz nahezu unbeschadet verwahrt haben. 

In dieser luftigen Dimension des Anfangs begreife ich plötzlich, warum die autoritäre Herrschaft meines Großvaters über Frau, Familie und Recht sich damals anders anfühlte. Sanfter. Sich auflöste im Wohlgefallen des gelben Lichtkegels der Lampe und ihres leisen Surrens. 

Das Häuschen ist zum Reisebegleiter in eine Vergangenheit geworden, die ohne Verletzung war, ohne Schrammen, ohne die Schreie und Blessuren der Welt. Vielleicht ist es dieser Keim tiefster Humanität, der macht, dass Flora, inzwischen wohl verwahrt von einem Kusin, für mich ein Metronom bleibt, zwischen Unruhe und Stille, zwischen Altwerden und Neugeburt, überlebensnotwendiger Fantasie und köstlichster Erinnerung, wobei Letztere sich stets einbringt als Wegweiser zum Predigtstuhl mit Ausblick auf die innere Landschaft.

 

Zufrieden einen Abstecher zu Tell und seiner Platte getan zu haben, Kopf und Seele gefüllt mit dem Flötengesang der Hirten auf der Alm - während meiner Rückfahrten entlang der Sauer rauche ich die Tüte einer Zeit, ohne die die Gegenwart alt aussähe.

 

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Das Projekt Droge Flora erschöpft sich nicht im einzigen Text. Geplant ist eine Bild Text Collage, die das Essay begleitet.  

Bierdener Hals, 2019