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Amateur in Tirana, eine Momentaufnahme

„Was wollen Sie hier in Albanien? Ferien?“

„Nein. Zwei Tage sind keine Ferien. Ist Arbeit.“  

»Wie bitte?«

Ich wollte sagen, auf englisch, „Nun, es geht um eine Buchvorstellung.“

„Buch? Gut.“

Die Polizistin am Flughafen Nene Teresa, sie nickt jetzt freundlich. Der Bruder meines albanischen Verlegers fährt sehr präzise entlang der Bürgersteige, sehr präzise in die Mitte der Fahrbahn, dem entgegenkommenden Radler, dem Quereinsteiger aus der Seitenstraße, den beiden Fußgängern, links, rechts, links, sehr präzise aus dem Weg. Fahrkunststücke mit einem alten Ford. „Hee, was macht der? Aufpassen!“ Er lacht. „Jetzt ist es besser“, sagt er. „Vorher war's schlimmer mit dem Verkehr. Jeder fuhr auf der Straße, wie er wollte.“ 'Nach Outschena' von Peter Rosei: Wie leben die Menschen wohl in Outschena, wenn sie in der vorletzten Etappe der Erzählung in Erdlöchern hausen? Klug aufgebaut, die Geschichte, finde ich. Man muss der Fantasie ihren Spielraum zugestehen, dem albanischen Fahrstil seine Tollheit.  

 

Das Restaurant wehrt sich gegen das Internet. Albanische Spezialitäten sind eine Mischung aus türkischer, griechischer und italienischer Küche. Hervorragend. Die Bedienung ist sehr zuvorkommend, vermittelt eine sicher der Hitze geschuldete Unaufgeregtheit. »Weniger Internet heißt mehr Cabarnet Sauvignon.« So steht es schwarz auf weiß auf dem Kärtchen, das im Brotkorb steckt, der auf dem Tisch wartet. Gut, gut. Der Weiße ist ausgezeichnet, kühl und fruchtig.

Ich bin sehr willkommen. Und meine Gastgeber vom Verlag Fan Noli, mit Beziehungen bis nach China: sie sind bemüht, mir alles von den Lippen abzulesen. Auf englisch, französisch. Auch auf Deutsch, wie erwähnt. Und ihre Gastfreundschaft, sie beschämt mich fast.

Während einer erneuten Autofahrt:

„Was macht der? Bettelt und weint mitten auf der Fahrbahn!“

„Ist doch ein behinderter Mensch.“

„Ist doch gefährlich, wie er's macht.“

„Er weiß, was er tut.“

„Wirklich?“

„Aber ja doch.“, so mein Fahrer.

Man sollte negative Aspekte nicht in den Vordergrund einer Kurzreise stellen, sage ich mir. Und doch. Inmitten der Gluthitze, dieser Mensch. Mein Gott!

 

Das Gesundheitswesen? „Er hatte dafür gesorgt, Hoxha. Die Ärzte, sie waren sehr gut. Heute? Naja, nicht besser auf jeden Fall“, so die Erklärung, als wir entlang der modernen Klinik fahren, unter einer angenehm schattigen Platanenallee hindurch.   

In Düdelingen schaffen sie's nicht, neu gepflanzte Bäume im Erdreich zu halten. Noch ein, zwei Monate dürfen sie wachsen. Spätestens nach den Gemeinderatswahlen müssen sie weichen: »Platz da, hoppla, jetzt kommen wir, Lidl und Cie. und wir beherrschen eure Stadteinfahrt wie damals die ARBED eure Politik, und viel Verkehr, und breit müssen sie werden, eure Straßen, damit wir breit ein- und ausfahren können mit unseren Lieferungen... Also, Krone ab, mit dem Fallbeil am Blutgerüst, am Anfang der Allee nach Bettemburg. Tirana, die Hauptstadt Albaniens ist dabei sich zu liften, grün, erfrischend. Neue Parkanlagen erwachsen zwischen modernen Bauten. Rund um den zentralen Platz sind historische Ministerialgebäude, die Landesbank, ein Hotelneubau vereint sowie eine kürzlich errichtete, orthodoxe Kirche deren Turm und Kreuz inmitten von vier, leicht schräg gebauter Betonkerzen stehen, deren steinerne Flammen angeflackert werden...riesig die Kerzen, riesig der Kitsch! Nicht zu glauben, dass er erlaubt wurde. Die Statue von Scanderbeg überragt den Ort in ihrem dunklen Zorn, kämpferischer, auch höher zu Ross als unser Wëllem, Säbel und Kinnbart hoch gestreckt, der Held gegen die Ottomanen, bei denen er lernte. Langsam abfließende Wasserzungen auf dem Platz kühlen Fliesen und Fußsohlen. Gegenüber der historischen Moschee stehen die Oper, eine große Bücherei, das angestrahlte Museum mit über dem Eingang den heroischen Figuren auf dem Mosaik des Frontispizes. Die Kämpferschar gegen die Unterdrückung, durch alle Zeiten der albanischen Geschichte, erinnert mich an Bertolucci und seine Front der Bauern der Emiglia Romagna, 1900. Nur farbiger ist das Bild. Der Glaube an die Revolte gegen Unterdrückung und Ausbeutung wurde erhalten. Der rote Stern hinter dem Kopf der nach vorne marschierenden, das Gewehr in die Höhe streckenden Frauenfigur, eine Art albanischer Marianne vor roter Fahne, wurde entfernt. Ich empfinde die Architektur nicht als anmaßend.

Protest: „Der Bau ist doch kommunistisch!“

„Die klaren Linien, die helle Fassade, natürlich ist er von der Sowjetunion geprägt, vermittelt noch immer stalinistischen Pomp. Doch er trägt Zeitgenössisches in sich, dieser Bau. Nach seiner Restaurierung, heute. Sehr sogar.“

„Finden Sie?“

„Ja, natürlich.“  

Ich strecke den Finger aus um zu lernen. Ich darf meine Meinung gerne mitteilen. Sie hören mir zu, meine Gastgeber. Und erwähnen auch die komplexe und schwierige Vergangenheit in ihrem Land, ehe der Wechsel stattfand. Ohne Blutvergießen. Friedlich, abgesehen von einigen Demos, Arbeiter, Studenten inbegriffen, natürlich. Anders als 1997, nach der Lotterierevolution, nach gigantischer, kapitalistischer Zockerei, als die Inflation auf 37% stieg.  45 Jahre Kommunismus hatten die Wirtschaft geprägt, die Industrie, die Infrastruktur, den Agrarsektor. Doch das System war 1991 am Ende. Enver Hoxhas Paranoia, zum Schluss, hinterließ Bunker in der Landschaft, Pilze aus Eisen und Beton gegen die atomare Bedrohung. Irgendwie musste die Armee bei Laune gehalten werden, die Kulisse der hin und her marschierenden Soldatenheere, auf und ab, hin und her, immer wieder, hoch die Waffen, hoch die Fahnen!

„Aber, wir sind zuversichtlich. Wir sind EU Kandidat. Wir waren froh, als viele Albaner nach dem Zusammenfall des Pyramidensystems Geld schickten um zu helfen. Es gab einen Moment, wo die Nahrung in den Städten knapp wurde. Es konnte nichts geliefert werden, außer Wassermelonen. Hier ist jetzt Gastgewerbe. Tourismus, während drei Monaten, im Sommer. Die Jungen, nach Gymnasium, Universität, sie wandern dagegen schnell ins Ausland.«

Die Agrarwirtschaft ist bedeutend geblieben, auch der Kupferabbau, Ferronickel, weniger  Kohle, nach dem Niedergang der konkurrenzunfähigen Schwerindustrie...

 

„Lesen die Luxemburger viel?“

„Doch, ja, natürlich, ich nehme es an. Habe leider keine Statistik zur Hand.“

„Wir lesen sehr viel. Und der Verlag verlegt zahlreiche Klassiker in albanischer Übersetzung.“ 

„Schön.“

Das private Fernsehen Channel 2 widmet Autoren regelmäßig fast eine volle Stunde. Ein Traum. Ich erzähle: In Luxemburg gab es eine Autorenlesung, zur Unterstützung der gefährdeten Buchhandlung Librairie Alinea, die eine unverschämt teure Miete in der Oberstadt verkraften muss. Wunderbar die Aktion. Junge Autoren und alte Garde, so eine Bildzeile. Mich hätte es gefreut, wenn der Journalist auch über den Inhalt der vorgetragenen Texte geschrieben hätte, als nur über das Alter der Autoren. Aber, was soll's?

 

Die Interpretation von Amateur, die Arbeit des Übersetzers Sadedin Limani, die Coverzeichnung von Aida Kumi, die Buchgröße, die Wahl des Papiers, über allem Rexhep Hida, der Verlagsleiter...ich staune über die Vorträge zu meiner Erzählung. Ich erkläre, dass ich die Figur der Rosa aus meinen Mädchenbekanntschaften 1971 zusammengeschrieben, von jeder ein bisschen geklaut hatte. Gemeinsam sind sie Rosa geworden. Die Figur scheint mir heute sehr aktuell zu sein. Meine Tischnachbarn stimmen mir zu. Stellen viele Fragen zur Gestalt von Erwin, diesen von Gefühlskälte und Unmoral gezeichneten Weihnachtsbäumchen Vertreter, der die Zigeunerin ohne Grund umbringt... An der versammelten Tafelrunde des Verlags wird nach jeder Rede geprostet. Jeder mit jedem. Ein leichtes pink am Glas. Danach dürfen weitere Fragen gestellt und weitere Vorträge gehalten werden. Bis zum nächsten pink.

Meine albanischen Gastgeber sind erfreut einen Autor in greifbarer Nähe zu haben. Die Luxemburger Botschaft in Prag war nicht interessiert, als Amateur in Tschechien, 2013, bei Dauphin erschien.

 

Die Werke von Ismail Kandare liegen in deutscher Übersetzung bei Fischer vor. Ich erkunde den Nachfolger und den General der toten Armee. Fatos Kongoli kann man dagegen nur in italienischer Übersetzung in dieser Buchhandlung kaufen, so wird mir erklärt. Eine französische Ausgabe fände ich im Internet, so der junge Verkäufer.

 

In Tirana, zum Abschluss eines heißen Tages, ein letzter Panoramablick vom Balkon des Restaurants über den Zentralpatz: eine nächtliche Kulisse, angestrahlt das Minarett der Moschee, das Frontispiz am Nationalen Historischen Museum. Sehr unsanft würde mein Buch mit der Politik umspringen, meinen die Leute vom Verlag. „Echt? Hat mir in Luxemburg noch niemand gesagt.“

 

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